7. Folge – Eine Blindprobe mit Katharina John und Ulrich Tukur

Wein Soul-Faktor Euronen
1996 Amarone Classico della Valpolicella
Allegrini, Venetien
40-50

Es war gar nicht so einfach, einen Termin mit Katharina John und dem genialen Schauspieler Ulrich Tukur zu einem gemeinsamen Gespräch zu bekommen. In der Hoffnung, dass der Geräuschpegel im Hamburger „Fischereihafen Restaurant“ nach dem Mittagessen abebben würde, schoben wir die Verkostung des Lieblingsweins von Ulrich Tukur auf den frühen Nachmittag. Leider Fehlanzeige! Für die Zukunft bin ich gewappnet. Ich bitte, dieses Mal die schlechte Akustik zu entschuldigen.

Ich kenne Katharina John und Ulrich Tukur seit der Gründung des gemeinnützigen „Sankt Pauli Weinklubs“ vor zweieinhalb Jahren. Beide teilen eine große Leidenschaft für gute Weine und Essen. Wahrscheinlich wohnen Sie deswegen in der wenigen freien Zeit, die sie zwischen den Drehs haben, auf Ihrem Landgut in der Toskana.

Katharina organisiert gemeinsam mit der Schweizer Schauspielerin Miriam Fiordeponti kulinarische Genussreisen nach Italien. Dabei geht es den beiden eindeutig darum, keine abgedroschenen Touristendestinationen zu besuchen, sondern echte „Geheimtipps“ kennen zu lernen. Natürlich findet das ganze immer in einem künstlerischen Kontext statt.

Von Ulrich Tukur wusste ich, dass er gerne den alkoholstarken Amarone, eine Veroneser Rotweinspezialität, mag. Dieser brachiale Wein aus den einheimischen Rebsorten Corvina, Rondinella und Molinara ist ein Phänomen in der Weinwelt. Normalerweise ist bei 15 % Alkohol Schluss, dann wird die Hefe gelyncht. Doch die robusten natürlichen Hefestämme in dieser Region bringen es manchmal bis zu 17,5 Volt. Ein kleines Naturwunder.

Der Amarone wird in einem besonderen Verfahren, dem Appassimento, gewonnen. Dazu werden die Trauben in luftdurchlässigen Kisten vier bis sechs Monate gelagert oder an Schnüren auf dem Dachboden aufgehängt. Wichtig dabei ist eine richtige Luftzirkulation und -feuchtigkeit, sonst faulen die Trauben. In dieser Zeit konzentrieren sich Zucker und Extrakt im Verhältnis zur verbleibenden Flüssigkeit. Erst nach dem Appassimento vergärt man den Saft und lagert ihn bis zu sechs Jahren im Fass.

Das Verfahren ist zwar uralt, aber den Amarone gibt es erst seit den 30er Jahren. Amaro heißt bitter, und der Amarone wird traditionell trocken ausgebaut. Manchmal besitzt er etwas Restsüße. Das kommt auf den Jahrgang und den Erzeuger an. Die süße Variante dieses Weins ist der Recioto.

Amarone kann aufgrund seiner Eigenschaften extrem gut altern und hat ein ganz eigentümliches Bukett von Dörrpflaumen, Brühwürfeln, Hackfleisch, Schokolade, Gewürzen und Feigen. In gewisser Weise ähnelt er sogar Amontillado Sherry. Am Gaumen hat er richtig Power und ist von ölig-cremiger Konsistenz. Ein Wein für Körpertrinker.

Der 96er Amarone von Allegrini ist mit 15 Volt mehr ein Leichtgewicht und gehört zu meinen Lieblingsproduzenten. Die Stilistik würde ich im Vergleich zu anderen Erzeugern fruchtbetonter, weniger oxidativ und moderner sehen. Die Ortschaft Fumane, wo Allegrini zuhause ist, liegt höher (Weinberge bis zu 350 Meter über dem Meeresspiegel) und ist kühler als der Rest der Region. Dieses Terroir verleiht ihm eine herrliche, frische Säure und tolle Balance. Ein klassischer Dekantierwein auf dem Höhepunkt seiner Reife, der im Gesprächsverlauf mit den Tukurs immer besser wurde. Am Anfang war er noch etwas käsig, pilzig, und erst dachten wir an Kork. Ehrlich gesagt war ich ziemlich schockiert. Doch mit zunehmender Luftzufuhr veränderte er sein Aroma in Richtung Gewürze und Trockenobst. Zum Schluss war der 96er sogar grandios und bleibt einer der Weine dieses Erzeugers. Doch da war die Kamera schon aus.

Gratulation an Ulrich Tukur, den Amarone in der schwierigen Blindverkostung erkannt zu haben. Man sieht eben doch nur mit dem Herzen gut.

Über hendrikthoma

Master Sommelier, Impresario und Gastgeber bei Deutschlands Video Blog + Shop "Wein am Limit"
Dieser Beitrag wurde unter Rotwein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu 7. Folge – Eine Blindprobe mit Katharina John und Ulrich Tukur

  1. Pascal schreibt:

    Ich bin der Peitit Verdot Typ ;-). Danke Henrik, Wein am Limit ist eine Bereicherung.

    LG Pascal

  2. Marco Rosso schreibt:

    Tolles Video,tolle Gäste,toller Wein ! Was will man mehr. Chapeu !

  3. SteffenU schreibt:

    tolles Video und klasse Gäste und irgendwie habe ich jetzt total Lust auf einen Amarone bekommen, da muß noch einer sein, der muß heute dran glauben und das obwohl ich eher der Sangiovese-Typ bin, oder zumindest sein will 🙂

  4. Roland schreibt:

    …sehr interessant und kurzweilig – genau
    wie früher bei TVino… Weiter so!!!

  5. Peter W. schreibt:

    Gerade wollte ich meckern wegen der schlechten Akustik, dann habe ich aber deinen Text gelesen und bin deshalb still.

  6. Peter schreibt:

    Ich liebe Amarone! Der perfekte „Absacker“ zum Abschluß eines großen Menüs, am besten zum Käsegang …
    Bin gespannt, wann der erste deutsche Winzer versuchen wird, eine landeseigene Variante des Amarone herauszubringen. Dies als Anregung für unsere innovativsten Weinbauern, wie Knipser oder Philippi aus der Pfalz.

  7. alpineobserver schreibt:

    Trotz Akustik super Folge… habe 1 Flasche Quintarelli 1990 im Keller. Kenn den Wein selber noch nicht. Bin fast vom Stuhl gefallen als ich die aktuellen Preise dafür gecheckt habe. Egal, werde die Flasche sicher selber trinken (weil Geschenk und überhaupt jetzt erst recht).

    Da du erwähnt hast „klassischer Dekantierwein“ bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher wie ich mit der Flasche umgehen soll – macht es einen großen Unterschied (für Nicht-Experten spürbar) ob ich den Wein am Tisch (bzw. vor dem Menü) dekantiere oder würdest du hier ein paar Stunden vorher aufmachen?

    • hendrikthoma schreibt:

      Moin, ich empfehle diesem Wein durchaus Sauerstoffzufuhr für eine halbe bis eine Stunde. Allerdings würde ich ihn kalt dekantieren. Das heißt den Wein in der Karaffe wieder kühl bei 16° Cel. stellen. Das größere Problem ist nämlich der Alkohol. Wenn diese Wuchtbrummen sich erwärmen, können sie einen regelrecht umhauen.

  8. Diollysos schreibt:

    Leidet leider wirklich am Geräuschpegel, schade! Hatte letztens eine Amarone Verkostung, dabei auch einige Allegrini Weine, wunderbar!

    Vinophile Grüße

    Diollysos

  9. Frank schreibt:

    schönes video, schade, dass es manchmal wirklich schwierig war, dem gespräch zu folgen 😦
    hat lust auf amarone und mehr gemacht!
    ps: habe ich den link zu den kulinarischen reisen übersehen?

  10. Patrick schreibt:

    Mille Gracie! Patrick

  11. Gilli Vanilli schreibt:

    ich hab ja immer gedacht was machen bloss alle immer so einen hype um diesen deutschen schauspieler – meine güte is auch nur ein mensch

    aber ich hab mal ne doku gesehen über ihn in der toskana wo er auch auf dem dorffest auftritt

    das war sehr interessant und sympatisch – abgesehen davon verstehe ich warum er den mag – amarone rockt nicht nur zu weihnachten /weihnachtsgans

  12. michael k. schreibt:

    hallo hendrik,
    ich hatte auch schon öffters kontakt mit amarone. in so mancher flasche war mir doch zu viel
    restsüsse. wenn ulrich tukur gerne wein in diese richtung trinkt, dann wäre doch auch was aus
    portugal für ihn interesant ?! zb. batuta von niepoort oder noch besser pintas von wine & soul.
    ich für meinen teil liebe die beiden weine, ist aber oft nicht einfach dran zu kommen.
    llieben gruß michael

    • enjoy schreibt:

      beim thema amarone kann ich nicht mitreden.
      bei den Portugiesen würde ich „Passagem / the crossing“ unbefingt empfehlen.
      hab den 2007er jetzt zweimal getrunken… vermutlich nicht so stark mineralisch wie der pintas aber sooo was von verführerisch … zum verlieben! a must try 🙂

  13. Phil schreibt:

    Interessante Menschen. Wer dergestalt über Wein und Speisen spricht, hat meines Erachtens verinnerlicht, dass der Zeitabschnitt, den man landläufig als Leben bezeichnet, kurz, alles was indes geschieht, vergänglich ist. Ergo läßt man der Gesundung von Leib und Seele ne ganz andere Wertschätzung zukommen.

  14. fertigo schreibt:

    Sehr Interessante Frau,sie hat einen schwarzen Stil,kann sich gut zurückhalten,aber der Mann in der Mitte versteht mehr vom Wein als sie.Das ärgert sie villeicht.
    Den Amarone hast du schon bei Tvino verkostet.Das musste nicht noch mal sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s