83. Folge – Kiwi-Weine

Wein Soul-Faktor Euronen
2009 Chardonnay Estate
Kumeu River, Kumeu
20-30
2010 Chardonnay „Seventeen Valley“
Mount Riley Wines, Marlborough
10-20
2010 Riesling „Ragtime“
Coney Wines, Martinborough
10-20
2009 Pinot Noir
Bell Hill, Canterbury
90-110

Heute kommt mein Beitrag aus Wellington, der zweitgrößten Stadt Neuseelands und Zentrum der fünftägigen Pinot Noir 2013-Konferenz, die alle 4 Jahre stattfindet. Es ist wirklich eindrucksvoll zu sehen, wie schnell die Kiwis qualitativ mit dem Weinbau vorankommen. Insbesondere ihr Focus auf die schwierigste aller Rebsorten, den Spätburgunder respektive Pinot Noir.

Er bringt in NZ eine etwas fruchtigere und üppigere Statur hervor als im Walhall dieser Sorte, dem Burgund. Trotzdem kann man sie leicht mit ihren euopäischen Counterparts verwechseln. Denn die Säure und Frische, aber auch die Gerbstoffe, haben eine kühle Struktur. Dennoch würde ich die „Kiwi Pinots“ als eigenständig bezeichnen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch international stärkere Beachtung finden werden. Zurzeit konzentrieren sich die Erzeuger auf die englischsprachigen Märkte, in Deutschland bleiben sie vorerst Exoten. Der Exportschlager sind die nesselartigen fruchtigen Sauvignons, die auch bei uns schon eine beträchtliche Fangemeinde haben.

Dass Neuseeland hervorragende Chardonnays produziert, weiß kaum jemand bei uns. Ich finde diese elegante Überseestilistik anregend und im Gegensatz zu vielen Alkohol- und Fruchtbomben aus anderen Überseeländern köstlich. Vor allem, wenn der „Holzaffe“ nicht zuschlägt.

Der erste Wein dieser Folge, der 2009 Chardonnay von Kumeu River, ist ein Klassiker. Das Weingut befindet sich ironischerweise nicht in den berühmten Weingebieten, sondern nordwestlich von Auckland, der größten Stadt von NZ auf der Nordinsel. Das Weingut wurde 1944 von Mate Brajkovich gegründet und befindet sich bis heute im Familienbesitz. Für mich sind das kontinuierlich die besten Chardonnays des Landes. Unaufgeregte, mineralische und ausgewogene Vertreter. Der 2009 ist zurzeit wunderbar mit seinen moderaten 13 Volt. Im Aroma finden sich Zitrusfrüchte und reife Äpfel, die von Gewürznoten unterlegt sind. Er schmeckt cremig, saftig, dicht und nicht fett, wie der Chardonnay so häufig ausfällt. Diese Kumeu Weine können sehr gut reifen. Vorerst bleiben sie für mich der Benchmark aus diesem Teil der Weinwelt.

Dass man auf den steinigen Böden von Marlborough, im Norden der Südinsel, außer Pinot Noir und Sauvignon Blanc auch exzellenten Chardonnay anbauen kann, beweist
„Seventeen Valley“ vom Familienweingut Mount Riley. Dieser knackige leckere Saft wurde mir in einem Weinshop empfohlen. Die Trauben stammen zum großen Teil aus dem „Seventeen Valle“’ aus Wairau mit seinen steinigen und lehmigen Böden. Ein Viertel der handgelesenen Trauben wurde in neuen Eichenholzfässern und mit natürlichen Hefen spontan vergoren. Spätestens jetzt kommen Eingeweihte zu der Ansicht, dass die Weine aus diesem Teil der Erde immer mehr die langweilige Uniformität verlassen und viel bedachter ausgebaut werden. Mir gefällt vor allem die präzise Aromatik dieses Weines. Ein Mischung aus reifen Früchten von Citrus, Guave bis hin zu Weinbergspfirsich mit einer klasse Mineralität und Frische. Was mir etwas fehlt, ist die unaufgeregte Dichte, die der Kumeu River Chardonnay hat. Trotzdem ist es ein lohnender Kauf.

Den halbtrockenen Riesling „Ragtime“ von Coney aus Martinborough, den ich in der Minibar des Hotels gefunden habe, übergehe ich mal etwas. Ich weiß, daß es wesentlich spannendere Beispiele in Neuseeland gibt. Ein für mich zu starker Duft nach Petrol und Reife, allerdings schmeckt er saftig und frisch. Er passt wunderbar zu der pikanten Pacific Rim Küche mit ihren asiatischen Einflüssen, die hier in Neuseeland sensationell gekocht wird.

Der Pinot Noir von Bell Hill aus Canterbury auf der Südinsel ist ein vieldiskutierter Stoff auf der Konferenz gewesen. Er hat die Möglichkeit einmal ein Kultwein zu werden. Der Preis von ca. 100 Euronen ist schon mal ambitioniert, genauso wie die Erntemenge von ca. 2300 Flaschen extrem klein ist. Wir haben viel über diesem Microerzeuger gesprochen und sind zu der einhelligen Meinung gekommen: Das ist explosiver Stoff für erwachsene Zungen.

Die 2,25 Hektar Reben wachsen seit 1997 in einem Kalksteinbruch aus den 20iger Jahren und werden penibel gepflegt und nach der Methode „Slow Wine“ ausgebaut. Ein Weltklassestoff, der polarisiert und in einer verdeckten Probe sich mit den besten Vertretern dieser Rebsorte ohne weiteres messen kann. Er hat kein sauberes, klinisches Bukett, sondern eine aufregende wildwüchsige „Schmutzigkeit“, die Freaks und Liebhaber anspricht. Auf der Zunge ist er nicht fett, schwer oder dick, sondern der Bell Hill ist leichtfüßig und trotzdem dicht mit noch knackigen Gerbstoffen, die sich integrieren müssen. Gekeltert wird er aus jungen Reben, die sehr, sehr vielversprechend sind. Irgendwie erinnert er an Burgund, aber dann auch wieder nicht. Er bleibt vorerst, auch für neuseeländische Verhältnisse, einzigartig. Sicher wird hier künftig noch mehr gehen. Für die Aufregung gibt es spontan die volle Punktzahl von mir.

Ich bin gespannt, wie es weiter geht mit Neuseeland. Die Lernkurve ist auf jeden Fall eine der schnellsten der Welt und die Ergebnisse spannend. Auf alle Fälle sind diese Weine längst über das Versuchsstadium hinaus und können auf der Weltbühne performen. Tino pai!

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17 Antworten zu 83. Folge – Kiwi-Weine

  1. Daniel S. schreibt:

    Hallo Hendrik,

    wieder eine schöne Folge! Finde auch die Spontanauswahl zweier offenbar unbekannter Weine sehr begrüßenswert. Das verleiht der Sache etwas mehr Unberechenbarkeit…;o)

    Weiter so und viel Spaß noch am A*#*# der Welt,
    Daniel

  2. Chris schreibt:

    Hi Hendrik,

    tolle Auswahl! Kumeu macht wirklich tolle Chardonnays, die nebenbei bemerkt doch etwas günstiger sind als in deiner Angabe😉.
    Dein Statement ab Minute 3:20 hat mir sehr gut gefallen! Ich sehe viele neue „Neue Welt Weinen“, wenn sie so schmecken wie es gerne generalisiert angenommen wird – also Holz, fett, viel Alk, Industriealisierung, süß etc, sehr gerne kritisch! Die gibt es natürlich auch. Wahrscheinlich auf dem europäischen Markt zuhauf! Doch Sippenhaft hat noch nie etwas gebracht. Es gibt, wie auch von dir eben erwähnt, sehr viele Weine die fantastisch hergestellt wurden und den höchsten Ansprüchen standhalten können. Das klappt sogar bei meinen meistens zu überzogenen Ansprüchen! Obwohl ich ein ziemlicher Pinot-Nerd bin der sehr schnell an Kleinigkeiten rummosert😉 gibt es immer wieder Weine die mich durchaus beeindrucken!

    Gruss und weiter viel Spass in Aotearoa😉

    Chris

  3. SteffenU schreibt:

    Also, ich habe mir auch schon die Frage gestellt, ob ich Weine brauche, die auf der anderen Seite der Erde produziert werden und bin zu der Erkenntnis gekommen, das heute fast alle Produkte rund um den Erdball produziert werden, wenn man damit anfängt, weiß man nicht mehr wo man aufhören soll. Und als Weinfreak interessiert es mich natürlich was in Neuseeland tolles in die Flasche kommt. Mein erster Kontakt mit Kiwi-Weinen hatte ich durch das Weingut Johner, die in Neuseeland 2001 ein Weingut eröffneten und dort schöne Weine machen.
    Das mit der Spontanauswahl fand ich auch Klasse.

    Gruß Steffen

  4. Tom B. schreibt:

    Sehr schöner Beitrag!
    Ich persönlich stehe nicht auf Fernreisen und werde daher vermutlich nie in Neuseeland ankommen…der Transport einer Flasche Wein im Container von Australien nach Hamburg kostet wohl so um 2 – 3 Cent. Das erzählte mir zumindest meine „Quelle“ (😉 ) bei hawesko.

    Ist doch genial, wenn uns der Stoff aus aller Welt erreichen kann!

    Tom

  5. Praterralle schreibt:

    Hallo Hendrik,
    es kommt wirklich tolle Urlaubsstimmung rüber bei Deinem Video. An Neuseeländern habe ich jetzt wirklich schon viele probiert und die Pipi du chat-Rate bei den Sauvignon Blancs ist schon relativ hoch. War außerdem der Meinung, dass speziell Riesling und Spätburgunder zwei Reborten sind, welche das Terroir extrem widerspiegeln. Also müßten diese in NZ eigentlich einen ganz eigenen Charakter haben. Diese Einteilung in Neue Welt und so finde ich gar nicht so verwerflich. Wenn mir danach ist, mache ich auch einen Shiraz aus dem Barossa Valley auf, dieser hat aber einen ganz anderen Charakter als von der Rhone. Nur greif ich für 100 Euro lieber zu einem Pinot Noir aus der Bourgogne, ebenso beim Sauvignon und Chardonnay zu Loire und Burgund. Du gehst gar nicht auf Jahrgänge bei Deinen Berichten ein. Das ist schon ein Punkt, den ich beim deutschen Weinbau super finde. Lage, Resorte, Qualitätsstufe und Jahrgang. Habe letztens mit Freunden Weine vom Karthäuserhof (Ruwer) aus verschiedenen Jahrgängen, Qualitätsstufen und Lagen probiert. Da lernt man unheimliche Vielfalt und auch die Bedingungen des jeweiligen Jahres kennen. Und ich finde die Situation immer noch diskussionswürdig Rieslinge aus Neuseeland zu puschen, während Winzer aus Steillagen in Deutschland aufgeben müssen, da für deren Weine kein Preis mehr zu erzielen ist. Sicher sollte man probieren, doch wird mein Alltagswein immer noch aus Deutschland oder Österreich kommen.

    • Tom B. schreibt:

      Prateralle,

      grds. kann ich Dir Recht geben – aber wo ist die Grenze? Ich kaufe z.B. keine 100€-Weine aus Frankreich, fahre aber ein deutsches Auto😉
      Ich kaufe derzeit auch eher selten im Fachgeschäft, sondern bestelle im Fachhandel. Der Faktor „Neugier“ ist mir wichtig – und wenn ich einen Vergleich der heimischen Produkte mit denen vom anderen Ende der Weinwelt machen kann ist das für mich ein Gewinn.
      Im übrigen kaufe ich trotzdem sehr gerne bei Familienbetrieben von der Mosel, weil ich finde, dass sich das irgendwie besser anfühlt. Und ich bin auch weiterhin der Meinung, dass in Deutschland kein Rotwein nach meinem (!!!!) Geschmack produziert wird.

      Gruß,

      Tom

  6. Sascha schreibt:

    Sehr interessante Folge. Ich lass mich gern mal verführen mal über den Pfälzer/deutschen Tellerrand hinauszuschauen. Schade nur dass es die vorgestellten Weine nicht oder nur teilweise in Deutschland gibt

    • Rainer schreibt:

      Es gibt noch eine „versteckte“ aktuelle WaL-Folge über NZ-Wein auf YouTube. Den Wein findest Du in Deutschland.

      [https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=PaiRI8JYhS8#!]
      Veröffentlicht am 28.01.2013
      Der Schwabe Kai Schubert kam Anfang der 90iger Jahre mit seiner Frau Marion nach Martinborough auf der Suche dem richtigen Platz für die sensibelste aller Rebsorten, den Pinot Noir. Auf den steinigen, kiesigen Böden von Wairarapa erzeugt er heute pflaumig reiche Pinots mit wunderbarer Frucht und köstlicher Seidigkeit.

  7. Sven schreibt:

    Die Folge macht wieder einmal Lust auf mehr.
    Ich finde übrigens, dass der Pinot Noir von Greywacke ebenso ein sehr feiner, eleganter SToff ist. Allerdings zu einem deutlich niedrigeren Preis.
    Ich hoffe allerdings, der geniale Kevin Judd wird bei deinem Interview ausgeschlafen(er) sein, als ich es erlebt hatte..😉 Freu‘ mich drauf!
    Ich gehe jetzt mal eben in den Garten und halte Ausschau nach diesem kleinen Vogel.

  8. Seba schreibt:

    Haha, großartig!!! Ein Wein für rund 100 Euronen mit Schraubverschluss!!! Das trauen sich auch nur die Kiwis… Oder war das nur die Conference-Edition??

    Hendrik, bin heute erst über deinen Blog gestolpert und nach ein paar zufällig ausgewählten Folgen absolut begeistert. Als ein alter Gary Vaynechuk Fan – du hast dort ja auch Eindruck hinterlassen😉 – bin ich total froh, dass es ein ähnliches Format nun auch „hier“ gibt. Zumal Gary ja andere Wege geht… Aber ehrlich: endlich mal wieder was Unabhängiges, Unverkrampftes und Unverkopftes über Wein – das tut gut!!

    Leider bin ich absolut Neuseeland unerfahren – kann mich nicht daran erinnern mal bewusst einen getrunken zu haben. Das soll sich aber nun ändern. Zumal wenn es so gute Syrahs unter 20 Euronen gibt wie in Folge 82m🙂
    Weiter So!!
    Seba

    • Rainer schreibt:

      Der Dreh-Verschluss wird tatsächlich im Handel so angeboten:
      [http://www.thewinecompany.co.uk/wines/2007-pinot-noir-bell-hill-vineyard-canterbury/prod_4219.html?colourId=111]

      Über das Thema ist hier sehr intensiv diskutiert worden und es wird nie aufhören.😉
      [http://www.captaincork.com/Meinung/nehmt-dem-wein-die-sinnlichkeit]

  9. Tobias Z. schreibt:

    Hallo Hendrik,
    diese Folge war für mich „zügig“ moderiert aber dennoch wirklich informativ. Überseerieslinge haben mich bisher nicht überzeugt, meist zu fett und nicht so vielschichtig wie bei uns. Pinot für 100€ mit Schraubverschluss ist echt mal was Neues.

  10. Michael Straßer schreibt:

    Heute Abend öffnen wir uns mal eine Flasche vom Kumeu Rivers Chardonnay! Sind schon ganz gespannt😉 Mehr Spaß im Glas !

  11. Sven schreibt:

    Seit dieser Februar-Folge bin ich auf der Suche nach dem genialen Bell Hill Pinot Noir. Hendrik, hast du einen Tipp, wo dieser Tropfen zu beziehen ist? Danke!!

    • hendrikthoma schreibt:

      Am besten fragst Du mal Rainer, der den Stoff in Holland gekauft hat. In D gibt es ihn nicht.

      • Rainer schreibt:

        Gekauft hab ich schon mal bei einem sehr freundlichen Händler in Belgien, das war allerdings ein Wein von Boekenhoutskloof. Unter dem weiter oben von mir genannten Link habe ich nichts gekauft. Will sagen, wenn ich einen Wein unbedingt haben will, dann finde ich im Netz auch irgendwann jemanden der ihn mir verkauft.🙂

  12. Pingback: Meursault aus Neuseeland? Kumeu River Chardonnay | Drunkenmonday Wein Blog

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