102. Folge – Das Blut von Panzano

Wein Soul-Faktor Euronen
2009 Chianti Classico
Fattoria di Rignana, Toskana
10-20
2009 Chianti Classico
Candialle, Toskana
20-30
2009 Inversus
Casaloste, IGT Toskana
30-40

Liebe WaLinauten,

die heutige Folge ist dem „Blut Jupiters“ gewidmet, bzw. der italienischen Rebsorte Sangiovese, wie sie richtig heißt. Eine spätreifende, säurebetonte Rebsorte, die entweder großartige langlebige Weine oder dünne langweilige Wässerchen ergeben kann.

Ein wunderbarer Ausdruck des Sangiovese kommt aus der „Conca d’Oro“ bei Panzano im Chianti Classico in der zentralen Toskana. Die einem Amphitheater anmutende Lage mit südwestlicher Ausrichtung und kargen kalkhaltigen Böden namens Alberese und Galestro ist ideal für den störrischen Sangiovese. Fast alle in Panzano ansässigen Winzer haben sich bereit erklärt nach Bio- oder biodynamischen Methoden anzubauen. Das sorgt, auch im gemeinsamen Auftritt der Unione Viticoltori di Panzano, für ein homogenes Bild. Die Saftigkeit und Frische der Weine aus diesem Ort ist ein Benchmark für die gesamte Region des Chianti Classico. In den letzten Jahren hat es einen Richtungswechsel zu mehr Finesse gegeben. Weniger neues Holz, lieber traditionelle Fuderfässer und der teilweise Verzicht auf die internationale Rebsorten in der Blend gehen einher mit einem bewussten Verzicht darauf, die Weine zu stark zu konzentrieren.

Der erste Wein stammt von der Fattoria Rignana. Cosimo Gericke legt viel Wert auf 15% Cannaiolo in der Blend. Die restlichen 85% sind Sangiovese. Diese alte, lange wenig geschätzte, Rebsorte sorgt für einen himbeer- und johannisbeerartigen Duft, der mich etwas an Spätburgunder erinnert. Dieser Stoff ist ein wunderbarer authentischer Einstieg in die Welt des Chianti Classico mit frischer Säure, ohne spürbare Holznote und mit köstlichen Feigen und Veilchenaromen. Um die 12,– € sicher angelegtes Geld für Genuss.

Das Weingut Candialle kam erst 2002 mit seinen ersten Weinen auf den Markt. Josephin Kramer und Jarkko Peränen bewirtschaften dieses 10 Hektar-Juwel an der südlichen Spitze der Conca d’Oro mit viel Hingabe und Persönlichkeit. Ihr 2009er Chianti Classico ist für mich ein Meilenstein in der jungen Geschichte des Weingutes. Ein 100%iger Sangiovese mit ausgewogener Konzentration und Würze. Er trinkt sich wunderbar und baut eine Menge Druck auf, ohne den „Holzaffen“ loszulassen. Das ist das Besondere an den gut gemachten Weinen von hier: ihre Spannung und vitale Frische. Keine epischen „Ben Hur-Tropfen“, sondern lebendige kommunikative Weine, die am besten zu rustikalen Speisen passen.

Der „Inversus“ von Emilia und Giovanni D’Orsi von Casaloste ist ihrem zweitgeborenen Sohn Federico gewidmet. Bei ihm sind alle wichtigen Organe spiegelverkehrt im Körper angeordnet. Ein seltener, aber nicht gefährlicher Umstand. Der „Inversus“ ist gegensätzlich zu der normalen Blend des Chianti mit 90% Merlot und Sangiovese und deswegen auch als IGT Wein (Gehobener Landwein) klassifiziert. Ein wildwürziger, tiefgründiger Stoff, der eine Referenz für die Toskana oder Panzano ist. Kein mastiger, oder noch schlimmer grün-vegetaler Saft, sondern ein knackig mineralischer Wein. So macht Merlot Spaß und deswegen gibt es auch 5 Soulpunkte.

Leider gibt es immer noch viele nichtssagende Tropfen aus der Toskana, aber diese drei entsprechen meinen Vorstellungen von italienischer Lebensfreude voll und ganz.

Enjoy! Euer Hendrik

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23 Antworten zu 102. Folge – Das Blut von Panzano

  1. Florian H. schreibt:

    Wie immer ein Genuß!
    Weiter so🙂

    Liebe Grüße aus Stuttgart
    Flo

  2. Pierre schreibt:

    Chianti verbinde ich immer mit Pizzeria und da muss man Glück haben einen guten zu erwischen die dann aber auch ihren Preis haben. Mein Weindealer versucht es immer wieder aber bis auf wenige Ausnahmen werde ich mit den Italienischen Weinen nicht warm. Bis jetzt bin ich über Barolo oder Nero d´Avola nicht hinaus gekommen, ich werde aber dran arbeiten……
    Freue mich auf die nächste Live-Verkostung, Paket ist bestellt.
    Grüße aus dem Saarland

  3. Miriam Grischott schreibt:

    Hi Hendrik!diese Folge gefällt mir besonders gut; bei der Intro stimmer ich Dir 100% zu und Sangioves liebe ich!

  4. Phil schreibt:

    Daumen hoch – klingt für mich definitiv nach mehr Spaß im Glas. Und das nicht nur, weil ich ein Freund dieser Traube bin, sondern weil scheinbar auch der sorgsame Umgang mit deren Charakter gepflegt wird.

    Allgemein zum Thema:

    Grundsätzlich habe ich die zwangsweise Überschwemmung der gesamten Galaxie mit internationalen Rebsorten immer sehr kritisch beobachtet. Wenn nun aber eine Traube an einem bestimmten Ort optimale Grundlagen für natürliche Weine mit einem eigenständigen Charakter vorfindet, dann haut rein – ich freue mich darauf. Weiterentwicklung tut gut und Not.

    Schließlich ist jeder Rebstock einmal der erste auf dem Acker, jede Traube die erste in ihrer Region gewesen. Nur weil es halt ein Römer war und die Sache lange her ist, heißt es nicht, dass es nicht einfach nur Ausdruck des Fortschritts gewesen ist.

    Geht’s jedoch rein um Politik – und dass die in der Weinwelt ebenso allgegenwärtig ist, wie überall auf der Erde, wissen wir nicht erst seit Mondovino – da nimmt der gute Geschmack und die daraus resultierende Lebensfreude für mich ein jähes Ende.

    Wo der Nasen-Robert des Mammons wegen seine fiesen Punkte-Zwerge, diesen Titel muss sich der ein oder andere fliegende Weinmacher gefallen lassen, entsendet, um die Rebensäfte im Keller der Uniformität halber in die Knie zu schminken, hat dies nichts mit Weiterentwicklung zu tun, man steht dort mit beiden Beinen im Niedergang der Weinkultur.

    Mit der richtigen Komposition aus Tradition und Innovation werden wir uns sicher noch lange an Weinen laben dürfen, denen das Authentischsein nicht abhandengekommen ist; zudem werden Blindproben nicht so schnell in Ermangelung an Unterscheidungsmerkmalen in der Weinwelt der Vergangenheit angehören müssen.

    Erfreulicherweise gibt es in jüngster Vergangenheit Bewegungen, die eben diesem Gedankengang Sorge tragen.

    Mit aufrechtem Gang
    Phil

  5. Sven schreibt:

    Einer meiner Chianti-Lieblinge ist der „Gagliole IGT“ (37. Folge – Toskanische Träume) oder deren Top-Wein „Pecchia“, welcher nur in den besten Jahrgängen vinifiziert wird.

  6. Tobias Z. schreibt:

    Hallo Hendrik,
    wieder mal eine informative Folge – es ist schön an Deinem Wissen zumindest ein wenig teihaben zu können. Man merkt diesemal allerdings, dass Du alle Weine schon reichlich vorgetestest hast. Die Beschäftigung mit dem Produkt im Glas war für Deine Verhältnisse heute etwas knapp – schade.

    Für mich ist die Rebsorte Sangiovese eine der ganz großen der Welt, wenn Sie, wie Du sagst von Könnerhand ausgebaut wird und auch die richtigen Bedingungen dafür herrschen, leider ähnlich wie beim Burgunder. Auch der Verschnitt mit Merlot oder Cabernet ist nach meiner Erfahrung bei vielen (und deshalb nicht unbedingt sehr teuren) Weinen aus der Region oft gut gemacht. Der typische Charakter der Rebsorte mit frischer Säurestruktur und dadurch einer besonderes differenzierten Frucht sollte aber erhalten sein.
    LG
    Tobias
    (P.S. oh je, inzwischen fühle ich mich als nicht Facebook Nutzer fast schon antiquiert)

  7. Alex schreibt:

    Da schließe ich mich doch glatt an. Wein schmeckt auch ohne Facebook.

  8. m_arcon schreibt:

    Auch für mich eine meiner liebsten Rotweinregionen. Wie schon im Video gut rüber kommt verbindet sie Frische und Fruchtigkeit mit den erdigen Anklängen. Vor allem nach einer gewissen Reife ein totaler Genuss. Hatte vor ein paar Wochen den 1993 Castello di Ama Vignetto Bellavista im Glas und das war für mich schon sehr nahe an der Spitze von dem was ich bisher getrunken habe.

    Thumbs-up für mehr italienische Weine bei WaL!

    Cheers und beste Grüße aus Stuttgart
    Marc

  9. Diollysos schreibt:

    Die Kritik an TVino war kaum zu überhören…

    Man muss natürlich bzgl. der Kritik ein wenig aufpassen, wenn man selbst den ein oder anderen Aspekt der Darbietung abkupfert..

    Vielleicht dürfte ich nochmals anregen, die Lautstärke des Intros, bzw. kurzen Abspanns an das eigentliche Video anzupassen.

    • Hendrik Thoma schreibt:

      Hi Diollysos, das kam irgendwie falsch rüber oder an. Das ist längst History und von keinerlei Relvanz. Selbst abkupfern kann ich mich auch nicht. Ich meinte eher, daß man wirklich fleissig sein muß. Kritisieren (darin sind einige sportlich) ist einfacher als selbst etwas zu tun. Das mit dem Video und der Lautstärke ist komisch. Werde der Sache nochmal nachgehen. Liebe Grüße und Danke, Hendrik

  10. Jonas schreibt:

    Hallo Hendrik,
    tolle und informative Folge, die wirklich Lust auf ein Glas Sangiovese macht. Ich verfolge WaL schon ziemlich lange ohne jemals einen Kommentar hinterlassen zu haben, jetzt ist es so weit! Einer meiner Lieblingsweine, wenn es um das Thema Sangiovese geht stammt aus der eher unbekannten DOC Montecucco. Der Sangiovese Trottolo von Dario Pasqui verkörpert für mich all das, was einen wirklich guten Sangiovese ausmacht. Kirschfrucht, elegantes Tannin und außerdem erdig, würzige Noten. Bei Chianti an sich bin ich immer etwas vorsichtig, da ich schon oft Weine im Glas hatte, die meines Erachtens ein eher bescheidenes Preis-Genuss-Verhältnis offenbarten. Umso schöner, dass es die Seite WaL gibt, die meinen Weinhorizont wöchentlich ein Stück erweitert.
    Liebe Grüße aus Hessen

  11. Die Barolista schreibt:

    Mensch, das ist mir auch noch nicht passiert, dass ich mal alle drei Weine eines Videos kenne, (außer im Live-Stream natürlich). ProWein und Hendrik sei Dank! Auch ich war in den letzten Jahren ein bisschen müde von mittelmäßigem Chianti und rundgelutschtem Sangiovese und meine Nase ist in andere Regionen Europas abgewandet Da haben mich die Vertreter von Panzano nun aber wieder neu eingefangen. Besonders die Verbindung aus Frische und Erde gepaart mit einem würzigen Charakter ergibt tolle Trinkerlebnisse vor allem bei dem Chianti von Candialle und dem Inversus von Casaloste. Kann ich nur empfehlen. Das sie dann auch noch schön sind, lässt sich gut verkraften. Und weil in der letzten Folge ja so erfolgreich der Vergleich mit lebenden Prominenten angeregt wurde: diese Tropfen sind für mich ein bisschen Daniel Day Lewis im Glas: kantig, tiefgründig, dunkel, mit Charakter und dann auch noch schön! Natürlich kenn ich Herrn Lewis (noch) nicht, aber so stell ich ihn mir vor… und so isser ganz sicher auch😉

  12. Sven B schreibt:

    Hendrik, gut finde ich dass du Weine aus der Toskana verkostest ohne eben die genannten Merlot, CS etc in der Blend, sondern reine Sangiovese oder eben mir den regionalen Rebsorten wi z.B. Canaiolo oder Colorino (ideales Beispiel, der Montevertine der gleichnamigen A.A.). Die Eleganz des Sangiovese kommt einfach nicht richtig zur Geltung in Kombination mit den Bordelaiser Trauben. Falls man dann entscheidet einen Merlot betonten Wein zu machen, wie eben den Inversus, dann finde ich das ehrlicher als umgekehrt.

    • Praterralle schreibt:

      Dann probier doch mal Tignanello oder Solaia, mit einem nicht unerheblichen Anteil französischer Rebsorten. Für mich absolut herausragende Weine aus der Toskana. Diese sollten zeigen, was man auf diesem Terroir erzeugen kann. Die Mehrzahl der Chianti sind eigentlich keine sehr empfehlenswerten Weine, auch wenn diese im Classicogebiet den Hahn auf dem Etikett haben. Man muß die Erzeuger kennen und meine Erfahrung ist, daß die, welche in den 70er und 80er Jahren den billigen Massenwein in der Strohflasche zu einem modernen Wein von erstklassiger Qualität gemacht haben, auch heute noch die Besten sind. An guten reinsortigen Sangiovese kann ich Le Pergole Torte und Ser Gioveto empfehlen. Ansonsten finde ich den Cs und Merlot nicht störend im Chianti.

      • Mathias schreibt:

        Super Idee: Probier doch einfach mal Tignanello (ca. 70,-) oder Solaia (ca. 230,-)! Der Weinhändler Deines Vertrauens wird sicherlich gerne ein Fläschchen für Dich öffnen…😉

      • Hardy schreibt:

        Tignanello kann man schon mal probieren. Das Ereignis sollte einem schon mal 70 Euro wert sein. Es lohnt sich wirklich. Für den Solaia kann man sich ja auch mal treffen und zusammenlegen.

  13. Praterralle schreibt:

    Hallo Hendrik, Chianti ist ein Superthema. Damit hat bei mir das Weintrinken begonnen, zusammen mit Parmaschinken und Salami, weil ich damals noch nicht kochen konnte. Finde Barrique bei Reservas überhaupt nicht störend. Die vertragen das in der Regel. Die einfachen Chianti aus dem großen Holzfass sind schon ok. Mein Lieblingschianti kommt derzeit von Castellare. Wann bringst Du denn mal was über Brunello?

  14. gerd schreibt:

    yes … ! Bitte mehr aus Itlalien🙂

    Super Folge … der Inversus ist ein super Wein, kann ich nur empfehlen.

  15. Natalia schreibt:

    Sehr interessante Folge, vollgespickt mit Hintergrundinformationen – danke dafür!

  16. SteffenU schreibt:

    Hallo, auch meine Weinleidenschaft hat mit Sangiovese und der Toskana angefangen und daher freue ich mich immer wenn es um dieses Thema geht. Candialle kannte ich auch noch nicht und daher werde ich ihn auch jeden Fall mal kosten. Ich finde es sehr schön, das es mehr und mehr Winzer im Toskanagebiet gibt die von der mächtigen Überholzung abrücken und wieder etwas „ursprünglichere“ Chiantis ausbauen, aber ich muß Pratterralle auch Recht geben beim Riserva finde ich das Holz toll und ab und an ist mir einfach danach. Und an manchen Weinen oder auch Weingüter hängt man einfach aus nostalgischen Gründen, bei mir sind das Castello dei Rampolla, Felsina und Fontodi, wenn ich einen Flaccianello trinken darf ist das immer ein besonderer Moment.

  17. Peer Granzin schreibt:

    Ein Wein den Kirschfrucht als eindimensionales Aroma kennzeichnet, würde ich eher kritisch betrachten. Ist es doch die Komplexität der Aromatik, die interessante Weine ausmacht. Je interssanter und markanter ein Wein duftet, desto weniger kann man überhaupt ausmachen, was man da als Summe wahrnimmt. Beim Wein sind für diese Summe bis zu 500 Aromen verantwortlich, beim Kaffee sogar bis zu 2000 Aromen gleichzeitig! Für mich findet man den traditionellen Chianti-Geschmack wenn überhaupt noch aus dem grossem Holz und die Weine sollten eine maximale Maischestandzeit von 12-15 Tagen nicht überschreiten. Somit versprechen diese Art von Chiantis auch noch eine gewisse Trinkigkeit. Jeden finessenreichen Wein, ob Chianti, Burgung oder Piemont erkennt man daran, dass man noch durchschauen kann. Winzer, hört auf mit den langen Maischestandzeiten von 30+, das geht alles zu Lasten des Zrinkflusses, Bremser haben auf meiner Zunge keine Zukunft!
    Alle anderen designten Tuscans oder Super-Tuscans sind ohne Zweifel tolle Weine (die markante Rußnote vom Toasting ergibt in Kombination mit Terroir-Noten eine gewisse „Dirtyness“, die wie ich finde einzigartig in der alten Welt ist = Tignanello z. B.), jedoch hat das nix mit Chianti im eigentlichen Sinn zu tun und man ist relativ schnell satt von dieser Wuchtigkeit.
    Dennoch, vivo Italia!
    Salute!

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