123. Folge – Haut-Bailly or 15 Years to the top of the Game

Wein Soul-Faktor Euronen
1998 Château Haut-Bailly
Grand Cru Classé, Pessac-Léognan
bis 70
2008 Château Haut-Bailly
Grand Cru Classé, Pessac-Léognan
bis 70
2012 Château Haut-Bailly
Grand Cru Classé, Pessac-Léognan
bis 50

Liebe WaLinauten,

vor 15 Jahren wurde Véronique Sanders Direktorin auf Château Haut-Bailly. Das Weingut wurde 1998 an den amerikanischen Bankier Robert G. Willmers verkauft, nachdem es zuvor vier Generationen im Besitz der belgischen Weinhändlerfamilie Sanders war.

Das französische Erbrecht ist komplex und kompliziert. Häufig bleibt den Familien im Falle eines Generationswechsels kein anderer Ausweg, als das Weingut zu verkaufen. Mit Véronique Sanders machte Herr Willmers einen weisen Glücksgriff, als er ihr die Verantwortung übertrug, das Weingut im familiären Sinne weiterzuführen. Ich kenne wenige so bescheidene, freundliche und authentische Persönlichkeiten im „Circus Maximus Bordelais“ wie diesen herzlichen, taktvollen Menschen.

In den 80iger und 90iger Jahren produzierte Haut-Bailly unter der Leitung von Véroniques Großvater Jean Sanders mit Hilfe des berühmten Professors Emile Peynaud sehr gute Weine, lag aber doch hinter den großen Weingütern zurück.

Wer den großartigen 1979er Haut-Bailly verkosten durfte, der weiß, dass sich auf diesem Weingut sensationelle Weine keltern lassen, die jahrzehntelang reifen können. Das Château gilt als eines der Top „Terroirs“ von Bordeaux und liegt auf einer mächtigen Kieskuppe in der Gemarkung Pessac-Léognan mit teilweise sehr, sehr alten Reben. Diese wachsen noch im gemischten Satz und haben Museumscharakter. In alten Aufzeichnungen wird HB neben solchen Granden wie Yquem oder Latour als „Crû Exceptionnel“ bezeichnet. Eine Auszeichnung, die nicht von ungefähr kommt, die aber nicht immer erfüllt wurde.

Aber lasst uns nicht von „Past Glories“ sprechen. Haut-Bailly hat unter Véronique und mit Hilfe der umfangreichen Investitionen der Familie Willmers einen Wahnsinnssprung gemacht. Heute steht es wieder an der Spitze der bordelaiser Hierarchie.

Was mir besonders an der HB Stilistik gefällt ist der Fakt, dass man nicht, wie viele andere Weingüter auf Power, Konzentration und Kraft gesetzt hat. Seit 1995 kenne ich Véronique und sie hat schon damals unbeirrbar die kühle, frische Frucht für bordelaiser Gewächse propagiert. Keine Granaten, sondern Trinkspaß und Finesse auf höchstem Niveau war schon damals ihr Credo. Das in Zeiten, wo diese Richtung weniger in der Gunst der internationalen „Verkostungsratingagenturen“ gestanden hat.

Diese Hartnäckigkeit hat sich am Ende ausgezahlt. Das Pendel ist seit den 90ern in die genau andere Richtung ausgeschlagen. Heute gehören die Gewächse von HB zu den am besten bewerteten der Region und sind im Vergleich zu anderen Spitzenweinen ein erschwinglicher Wert geblieben. Wenn man schon viel Geld ausgeben möchte, dann ist HB eine sichere Bank.

Bei meinem Besuch auf Haut-Bailly hatte ich großes Glück. Denn am Morgen fand eine Verkostung mit Önologen und Journalisten aller 15 Jahrgänge, die unter der Leitung von Véronique und ihrer Mannschaft entstanden sind, zu Demonstrationszwecken statt. Ein kleiner Meilenstein in der langen Geschichte dieses historischen Anwesens und ein toller Einblick in die kontinuierliche, seriöse Arbeit die geleistet wurde.

Da noch etwas in der Flasche geblieben ist, habe ich die Chance genutzt und einige besondere Jahrgänge für die Walinauten in Anwesenheit von Véronique gleich mal überprüft.

Aber seht selbst…

In taste and finesse we trust,

Euer Hendrik

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14 Antworten zu 123. Folge – Haut-Bailly or 15 Years to the top of the Game

  1. Stefan schreibt:

    Eine tolle Folge, ich hätte euch auch zu den anderen zwölf Weinen noch gut zuhören können. Besonders gefällt mir, dass ein reifer Wein vorgestellt wurde. ich finde nach wie vor, dass diese zu vielen Gerichten einfach besser passen – scheinbar bin ich aber mit dem Gedanken alleine und in der Gastronomie werden diese Weine leider seltener, Für mich wird hier seit vielen Jahren gerade in den eher kleineren Jahrgängen ein wunderbarer Wein produziert, Die Eleganz hatten die Weine schon bevor es wieder modern wurde. Mehr reifen Wein!!!!!!!

  2. Rainer schreibt:

    Hallo, Hendrik, klingt sehr interessant, bin schnell auf den wesentlich preisgünstigeren Zweitwein – La Parde de Haut Bailly – gestoßen (um 25,- EUR) Der soll leichter zugänglich und fruchtiger als der Erstwein sein – was immer das auch heißen mag, klingt gut für mich, überlege gerade welchen Jahrgang ich mir da aussuchen soll. Hmmh, ich denke, genau wie bei le Reysse entscheide ich mich für 2009. Falsche Entscheidung? 😉

    • Messias schreibt:

      Für einen meiner „Lieferanten“ aus LE, Markus Beer (Hendrik kennt ihn) hat zu mir gesagt, dass er generell die 2009 den 2010 vorzieht. Sie sollen besonders jetzt schon trinkiger sein, beides sind natürlich große Jahrgänge.

      • Rainer schreibt:

        Ja, da sind sich auch die vielen Jahrgangstabellen im Netz einig, dass 2009 und 2010 in Bordeaux ideales Weinwetter hatten. Trinkreife ist natürlich eine andere Frage, dafür ist 2009 vermutlich viel zu jung. Irgendwas ist ja immer. 😉

      • hendrikthoma schreibt:

        2010 ist der ausgewogenere Jahrgang, die 2009 sind fetter und cremiger! Time will tell…

      • Rainer schreibt:

        Fette Creme hab ich bei Bordeaux meiner geliebten Schnäppchen-Billigpreis-Klasse noch nicht kennen gelernt. Da trafen mich oft, zum Glück nicht immer, die Tannin-Zungenraspel und der Holzhammer. Freue mich schon auf fette Wundschutz-Creme. 😉

  3. Frank schreibt:

    Moin Hendrik, eine spannende Folge mit einem sehr sympathischen Gast. Es zahlt sich aus seinen Weg zu gehen und darauf zu setzen, was einem wichtig ist und nicht dem Geschmack der Kritiker und „Punktegeber“ hinterher zu rennen. Aus meiner Sicht auch der Beweis, dass diese Punktesysteme keine Garantie sind. Am Ende muss doch jeder selbst herausfinden, was einem schmeckt. Ich hatte bisher wenig Berührungen mit Weinen aus dem Bordeaux, denn das Preis-Leistungsverhältnis ist ja immer wieder ein Diskussionspunkt, auch wenn die Weine immer wieder als Referenz herangezogen werden. Daher Dir vielen Dank für so schöne Empfehlungen, die Lust auf diese Weine machen!

    • Rainer schreibt:

      Apropos, „mit einem sehr sympathischen Gast“ – ich frage mich ja immer wer bei solchen Anlässen eigentlich bei wem zu Gast ist? 😉 Hendrik weiß diese Klippe immer sehr charmant zu umschiffen und schafft eine Wohlfühlatmosphäre – es gibt eine andere „Weinshow“ da staune ich immer über das feine Lächeln und die höflich unterdrückten Fragezeichen im Gesicht des besuchten Weingut-Chefs wenn es ihm lautstark und wörtlich entgegenschallt er sei der „Gast“ und werde hiermit herzlich willkommen geheißen. 😀

  4. Jo_2 schreibt:

    Bin zwar immer noch nicht überzeugt, dass eine Bordeaux-Flasche demnächst mal wieder bei uns auf dem Tisch stehen wird, aber definitiv eine nette Folge mit einer noch netteren Gastgeberin. Warum kein Bordeaux? Erst hat mir vor Jahren die Preisgestaltung die Laune verdorben (50-70 Euronen wie hier sind für Bordeaux sicher ok, aber, da bin ich ehrlich, für mich die absolute Ausnahme, wenn man sich zu einem ganz besonderen Anlass etwas gönnen möchte), dann hatte ich keine Lust diese Subscriptions-Geschichte mitzumachen und als ich dann durch meinen lokalen Weinhändler auf unbekanntere, sehr gute Bordeaux gestossen bin, habe ich festgestellt, dass mir der Burgunder viel besser schmeckt. Und da gibt es in Deutschland so viele hervorragende und vielzählige Winzer mit unterschiedlichen Weinstilen, bei denen man vorbeifahren und probieren kann, dass der Weg nach Frankreich bisher nicht attraktiv war. Schmunzeln musste ich über das Gesicht von Véronique Sanders, als Hendrik sagt, dass man den Haut-Bailly in einigen Ländern und Weinhandlungen günstiger als direkt ab Château beziehen kann.

    • Jo_2 schreibt:

      Ach ja, hatte ich vergessen: Hendrik, der silberne Gegenstand auf dem Tisch rechts ist wohl ein Spukgefäß … definitiv schöner als den „Napf“, den Du in HH hast finde ich 😉

    • Messias schreibt:

      Letztendlich muss jeder selbst wissen, ob ihm eine Flasche Bordeaux Grand Cru dieses Geld wert ist, aber eine Erfahrung ist es allemal. Wer nach dem Verzehr die Kosten anprangert kann das gerne und in vielen Fällen auch völlig gerechtfertigt tun. Der Spass an Latour und Co kann Normalverdienern schon vergehen, da der finanzielle Aufwand zu groß ist. 50 Eur mal zum Kennenlernen oder Erleben ist da schon humaner, dann weiß man zumindest wie sich große Bordeaux anfühlen 🙂
      Habe letztens bei einer Feier einen Roc de Combes 2007 aus der Cotes de Bourg gegen einen Vina Imas Gran Reserva 2004 antreten lassen, da hat der Bordeaux den Gästen besser geschmeckt (wegen der enormen Länge), wobei der Spanier bestimmt nicht schlecht und auch Parker-geadelt war. Leider sind die Flaschen inzwischen auch bei 60 Euronen angekommen, habe sie noch für 22 erworben.

  5. malan schreibt:

    super folge, mal wieder klasse gemacht ! mir gefällt die bandbreite zwischen wein um 5 euro bis ende offen, halt alles zu seiner zeit.
    ich würde gerne wissen, ob man als „normal sterblicher“ wirklich im bordeaux bei gütern wie haut bailly und troplong mondot vorbei schauen kann. lohnt der besuch, oder ist dies eher wie bei einer kaffeefahrt, wo man dann ggf doch produkte zu höheren preisen (gegenüber internet) kauft ?
    weiter so, gruss !

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