Zeit für Wein – 195. Folge Wein am Limit 2. Teil

Wein Soul-Faktor Euronen
1987 Vina Tondonia Blanco Reserva 3/4
R. Lopez de Heredia, Rioja<
40 bis 50

Liebe WALinauten,
ganz in der Nähe des WaL HQ in Hamburg-Eppendorf hat Andreas Hentschel seine Uhrenmanufaktur vor über 20 Jahren gegründet. Seine schlichten, präzisen Uhren sind kleine Meisterwerke, die mit viel Liebe zum Detail in handwerklicher Arbeit, in den Räumen seiner Werkstatt gefertigt werden. Jedes Stück ist ein kleines Unikat. Deswegen genießt die Marke „Hentschel“ unter Uhrenkennern großes Ansehen und findet Käufer aus aller Welt.

Andreas mag sehr gerne Wein. Somit stand nach einigen Monaten Vorlauf fest, dass wir gemeinsam eine Session und Verkostung bei Wein am Limit durchführen. Das Thema dieser Folge ist, was Handwerk und Mut zur Langsamkeit ausmacht. Eigentlich ein philosophisches Thema. Aber Uhren und Wein scheinen einiges gemeinsam zu haben. Beides ist in gewisser Weise überflüssig und dennoch erfreuen sich viele Menschen an diesen Luxusgütern. Es ist das Persönliche, was aus einem Chronometer oder einer Flasche Wein erst etwas Bedeutsames macht. Es geht nicht um den Preis, sondern um das Vergnügen es zu besitzen (oder es zu konsumieren) und das Wissen um seine Entstehung und Herkunft. Der wahre Wert des Objektes ist die Beziehung zu ihm. Dazu fällt mir eine Quote von Oscar Wilde ein: „Some people know the price of everything and the value of nothing!“

Der heute vorgestellte Wein ist ein ganz besonderer Wein. Einer der letzten seiner Art. Seit 1877 keltert die Familie Lopez de Heredia Weine in einer malerischen Ebro Schleife auf dem ca. 170 Hektar großen Weingut. Es sind langlebige, charakterstarke Tropfen. Mittlerweile wird das Weingut von Maria José und ihrer Schwester Mercedes in der 5. Generation geleitet. Es gibt immer wieder behutsame Erneuerungen, aber in vielen Punkten ist das Weingut sehr langsam, weil es sich auf mehr Erfahrung beruft als jeder neuen Mode hinterherzulaufen.

Während die Modernisierungswelle der 90iger Jahre und dem Millennium dazu führte, dass die Weine des Rioja immer fruchtbetonter und konzentrierter wurden, blieb Viña Tondonia seinem alten Stil beharrlich treu.

Nachdem Parker und viele Weinautoren sich auf die neuen, konzentrierten Weine des Rioja stürzten -und inflationäre Punktzahlen für brachiale Gewächse gaben- scheint das Pendel langsam wieder in Richtung Eleganz zurückzuschlagen.

Vor allem die lange Fasslagerung der Weine in großen und kleinen Fässern (die auf dem Weingut selbst instand gehalten und geküfert werden), sind ein geschmackliches Markenzeichen für Viña Tondonia. Die Räume, waren nach ihrem Bau einst Vorzeigeobjekte und sind heute wie ein top gepflegtes Museum.

Obwohl dieser Wein mit seinen Wachs, Kräuter- und honigartigen Düften nicht dem Mainstream entspricht, kehren immer mehr junge und alte Weinliebhaber zu diesem Unikat zurück oder entdecken es wieder neu. Dieser Weisswein sollte anders behandelt werden als konventionelle Weine. Am besten sollte er 1-2 Stunden vorab karaffiert werden und wärmer, bei 14-16 ° serviert werden. Man kann ihn ohne weitere 3-5 Tage offen stehen lassen und sich an seiner Entfaltung ergötzen. Der Duft erinnert an Fino Sherry mit dem salzigen Mandelbukett, doch je länger er im Glas ist, umso mehr verändert er sich. Mit jedem Nasenzug verändert er, wie ein Chamäleon seine Farbe.

Die alten Viura- und Malavsierreben wachsen auf einem kalkhaltigen Boden und das erklärt vielleicht die mineralische Frische auf der Zunge. Der Blanco ist kein Rebsortenwein, denn die Viura ist neutral und die Malavsia liefert Textur und Fettigkeit. Eher ein Konzept mit vielen Details und da wären wir wieder beim Uhrwerk. Die Konsistenz dieser Reserva ist gehaltvoll und wird getragen von einer lebhaften Säure. Das Zusammenspiel dieser Komponenten ergibt eine köstliche Harmonie. Ein „Dinosaurierwein“, der ein ganz anderes Geschmacksbild bedient, als wir es heute kennen. Das ist auch der Grund, warum unerfahrene Weintrinker überhaupt nichts mit ihm anfangen können.

Die Philosophie und der Geschmack, der sich über Jahrzehnte auf diesem Weingut entwickelt hat, wird nicht verändert, sondern mutig weiterproduziert. Die Weine von Viña Tondonia erscheinen manchmal erst 20 Jahre später. Sie kommen auf den Markt, wenn die Familie Lopez de Heredia es für richtig befindet. Nicht, wenn der Markt sie will oder fordert.

Wie sagte mir Maria José Lopez de Heredia vor ein paar Jahren?
„We are like the Mohikans. We die with our boots on!!

Mehr Spaß im Glas,

Hendrik

Über hendrikthoma

Master Sommelier, Impresario und Gastgeber bei Deutschlands Video Blog + Shop "Wein am Limit"
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15 Antworten zu Zeit für Wein – 195. Folge Wein am Limit 2. Teil

  1. Fabian schreibt:

    Zwei schöne, ungewöhnliche Folgen! Interessant, wie sich die Ruhe von Andreas auf Hendrik überträgt, sehr entspannt, ruhig, „laid back“, und sehr angenehm. Uhren und Wein passen gut zu einander. „Rolex und Einzelhandel passen nicht zusammen“, so oder so ähnlich – auch eine bemerkenswerte These, die ich tendentiell unterstütze; letzendlich eine Frage des Segments, der Kundschaft und auch der Persönlichkeit des Trägers. #Watch am Limit
    Liebe Grüße aus Schwaben!

  2. plongel schreibt:

    Wahrscheinlich sehr zum Leidwesen von Herrn Hentschel bin ich kein Uhrenträger mehr, dennoch finde ich sein Handwerk schön, faszinierend und wichtig zugleich und freue mich, daß er zum Bestand dieses Handwerks beiträgt und somit wirkliche Leidenschaft fördert. Gleiches gilt für Lopez de Heredia mit einem Wein weit ab von jeder Modeerscheinung…

    • Rudi schreibt:

      „bin kein Uhrenträger mehr…“
      Ab morgen, Donnerstag 6:00 Uhr trotzdem Zeit nehmen, sonst „wirkliche Leidenschaft“ – und das sehr teuer. (Blitzer-Marathon)

      • plongel schreibt:

        Die Tatsache, daß ich keine Uhr (mehr) am Handgelenk trage, heißt ja nicht, daß ich mir keine Zeit lasse, eher im Gegenteil. Und wir sind ja zuhauf von Uhren umgeben, Schlepptop, Wischofon, Blechkiste….
        Übrigens: 0 Punkte bei 60.000 km/a Fahrleistung.

      • Rudi schreibt:

        Gelegentliche, plötzliche „Erleuchtung“ samt anschließender „Erleichterung“ muss ja nicht unbedingt bis nach Flensburg durchschlagen. Wir werden sicher bald nachlesen können was noch bis morgen früh 6:00 Uhr bundesweit zusammengeblitzt wurde. 😉

  3. plongel schreibt:

    Bei uns dauert’s noch ein paar Tage länger.
    Wo bin ich?

    • Rudi schreibt:

      Im Irrtum! Das war einfach. 😉

      • plongel schreibt:

        Ja, wenn man den Freistaat Bayern als Irrtum definiert!
        Heute letzter Tag beim bayerischen Blitzermarathon und trotz ca. 2.000 km noch keine „Erleuchtung“, allerdings hatte ich auch nur eine Möglichkeit dazu…

  4. Rudi schreibt:

    Tja, egal, Horst Lüning (Starnberger See) 20. Mio-Umsatz und in Sachen Separatismus erfahrener Schottland-Experte zur FAZ:
    „Bestellungen von Privatleuten im Wert von mehr als 10.000 Euro sind keine Seltenheit.“
    Es gibt keinen Irrtum – es gibt nur das was wir selbst inszeniert haben. 😉

    • plongel schreibt:

      Die 10.000 Euro-Marke läßt sich mit Whisky auch recht leicht knacken. Und wahrscheinlich sind das eher die Spekulanten als die Genießer, schließlich lassen sich mit Edel-Whiskys recht drastische Renditen erwirtschaften, zumal der Stoff auch risikoloser lagerfähig ist als die Weinchen.
      Und: der Irrtum existiert, auch wenn er in der Regel relativ ist und meist aus dem Glauben oder der Leidenschaft entsteht, also wenn die Kritikfähigkeit und das logische Denken eingeschränkt werden…

      • Rudi schreibt:

        Volle Zustimmung. Existenz und Inszenierung von „Irrtum“ sind kein Widerspruch. Einem charismatischen Menschen gelingt es so etwas wie ein „reality distortion field“ aufzubauen. Sie schafft es manipulativ zu sein und in Verfolgung ihrer eigenen Ziele Menschen zu bewegen.

        Tja, hinterher ist man dann immer schlauer – ich erspare mir mal solche Personen zu zitieren oder zu benennen. Da wird wohl auch eine bunte Meinungsvielfalt herrschen wer zum Irrtum beiträgt und wer nicht. „Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Für mich ist auch dieser Satz ein kantscher Imperativ. 🙂

  5. plongel schreibt:

    Zitate vermeide ich in der Regel, das ist für mich eigentlich nur das Nachplappern fremder Meinungen. Ich bilde mir meine Philosophien lieber selber, dann sind sie vielleicht nicht immer ganz so tiefgründig wie die von den zitierten Personen, aber sie sind wenigstens von mir selbst und nicht nur adaptiert. Leider ist das Nachplappern in unserer Gesellschaft viel zu sehr verbreitet. Allerdings finde ich hier auf diesem Blog (den ich erst kürzlich entdeckt habe) doch einen ganze Menge Kommentare (Wein oder nicht Wein), hinter denen offensichtlich doch ein eigener Kopf steckt.

    Schön!

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